Schau doch meine Hände an

Mittlerweile haben die meisten Kindergärten durch entsprechenden Ausbau die Möglichkeiten, Kinder schon im Babyalter aufzunehmen und je nach Vereinbarung mit den Eltern stunden- oder tageweise zu betreuen. Außerdem steigen in den Regelkindergärten die Zahlen der inklusiven Betreuung von Kindern mit besonderem Förderbedarf. Diese neuen Betreuungsmöglichkeiten bringen für Erzieherinnen und andere Fachkräfte  viele, zum Teil auch neue Herausforderungen mit sich.

Lautsprachliche Entwicklung noch nicht abgeschlossen

Bei den meisten  Kindern zwischen 1 und 3 Jahren ist die Sprachentwicklung noch nicht abgeschlossen, das heißt, das  Äußern von eigenen Bedürfnissen und Wünschen ist dem kleinen Kind nicht immer möglich und ein umfassendes Verständnis für Wörter und Sätze ist noch nicht gegeben. Kinder mit Entwicklungsverzögerungen weisen häufig Defizite im sprachlichen Bereich auf und benötigen besondere Angebote der Sprachförderung und der Unterstützten Kommunikation.

Nonverbale Kommunikation

Jeder von uns kennt und verwendet im Alltag bestimmte Gesten zur Verstärkung des Gesagten, z. Bsp. „Komm her!“ wird durch die entsprechende Handgeste unterstützt. Die Aussage „Mach doch langsamer!“ wird betont durch die langsame Auf-und Ab-Bewegung einer oder beider Hände. Die Daumen-Wertungen für positiv/negativ/neutral werden auch häufig eingesetzt. Der Verkehrspolizist verdeutlicht seine Befehle mittels entsprechender Gesten.

OK
OK!

Jede Erzieherin verwendet im Kindergartenalltag fast schon automatisch nonverbale Kommunikationsformen zur Unterstützung des Gesagten, zum Beispiel durch eine deutliche Mimik und  verstärkende Gestik mit ihren Händen oder des ganzen Körpers. Auch der Einsatz von Fotos und Bildern sind Formen der nonverbalen Kommunikation, die im Kindergarten häufig angewendet werden.

Die Lautsprache mit Gebärden unterstützen

Eine weitere Möglichkeit, den kleinsten Kindern und den Kindern mit Sprachverzögerungen ein besseres Verständnis und eine eigene Ausdrucksmöglichkeit zu bieten sind Gebärden. Die Erwachsenen setzen Gebärden lautsprach-unterstützend ein, das heißt das sinntragende Wort eines kurzen Satzes wird gebärdet. So wird in dem Satz „Jetzt wollen wir essen“ das Wort „essen“ gebärdet.  Oder in dem Satz „Die Katze sitzt im Gras“ wird das Wort „Katze“ gebärdet und durch Hinzeigen mit dem Finger zusätzlich unterstützt.

essentrinkenKatze

Damit die Kinder nicht überfordert werden, sollten anfangs nur wenige Gebärden eingeführt werden, z. Bsp. im Bad „Zähne putzen“, in der Essenssituation beispielsweise die Gebärden „Brot“ und „Käse“ oder im Morgenkreis „Guten Morgen“, „singen“, „spielen“ oder „arbeiten“. Nach und nach können weitere Gebärden dazu genommen und auch in anderen Situationen eingeführt werden, die sich am Tagesablauf in der Familie, bzw. im Kindergarten orientieren.

Guten MorgenZähne putzenBrotKäsesingenspielenarbeiten

Eine besonders schöne Idee ist es, wenn jedes Familienmitglied, jedes Kind und jede Erzieherin in der Gruppe eine eigene, individuelle Namensgebärde bekommt. Die Gebärden für Mama und Papa sind fest gelegt und gehen folgendermaßen:

Mutter

Gebärde „Mama“: mit der Handfläche auf der Wange kreisen

Papa

Gebärde „Papa“: mit dem Daumen zweimal vom Kinn nach vorne streichen

Die Kinder freuen sich und finden es toll, wenn sie eine eigene Namensgebärde bekommen. Das kann einfach der Anfangsbuchstabe des Vornamens sein (siehe unter Fingeralphabet in diesem Blog). Oder man überlegt eine Gebärde, die eine typische Eigenschaft des Kindes ausdrückt: z. Bsp. lockige Haare = mit dem Zeigefinger seitlich am Kopf Locken nachzeichnen  oder  bei einem Brillenträger = mit Zeigefinger und Daumen eine Brille andeuten    oder   bei einem Kind mit besonders großen Augen = mit Zeigefinger unterhalb eines Auges tippen  oder   bei hellblonden Haaren = Gebärde für gelb/sonnig  usw.  Namensgebärden geben vor allem dem Kind mit besonderem Förderbedarf die Möglichkeit, dieses Kind zu benennen, es anzusprechen oder auch etwas über dieses Kind erzählen zu können.

Lieder, Reime, Bilderbücher mit Gebärden unterstützen

Im Morgenkreis, im Spielkreis, beim Singen und Spielen oder Betrachten eines Bilderbuches macht es den Kindern großen Spaß Gesten und Gebärden parallel zum  gesungenen Lied oder gesprochenem Wort zu verwenden. Das Lernen und Üben von Gebärden geschieht durch die natürliche Fähigkeit der Nachahmung der kleinen Kinder. Durch häufiges Wiederholen (bitte immer auf spielerische Weise) festigt sich der Gebärdenwortschatz und kann schließlich auch in anderen Situationen angewendet werden.

Entscheidung für ein Gebärden-System

Dies ist ein wichtiger Punkt und sollte im Kindergarten-Team gemeinsam überlegt werden. Dabei müssen im Vorfeld Informationen eingeholt werden, welches System im nahen und auch im weiteren Umfeld bereits angewendet wird. Denn gerade bei Kindern mit besonderem Förderbedarf kann es sein, dass die Kommunikation mittels lautsprachunterstützenden Gebärden auch über die Kindergartenzeit hinaus ein wichtiges Hilfsmittel bleiben wird. Aus diesem Grund könnte bei umliegenden Einrichtungen, Schulkindergärten und Sonderschulen angefragt werden, welches Gebärdensystem dort etabliert ist.

Deutsche GebärdenspracheSchau doch meine Hände anBei kleinsten Kindern, die noch am Anfang ihrer Sprachentwicklung stehen, ist dieser Gesichtspunkt nicht so sehr relevant. Die Kinder lassen mit Beginn der eigenen Sprache die Gebärden nach und nach weg.  Dennoch sollte die Entscheidung für bestimmte Gebärden gemeinsam mit den Eltern getroffen werden.

Möglichkeiten für Babys und Kleinkinder sowie für Kinder mit besonderem Förderbedarf

Im Süddeutschen Raum werden überwiegend die Gebärden aus der Sammlung „Schau doch meine Hände an (SdmHa)“ verwendet – sei es in Schulkindergärten, Sonderschulen, Kindergärten und Kindertagesstätten. Diese Sammlung ist geeignet für Kinder mit besonderem Förderbedarf, aber genauso auch für Babys und Kleinkinder, die noch am Anfang ihrer Kommunikations- und Sprachentwicklung stehen.
Diese Gebärdensammlung entstand bereits in den 70er Jahren unter dem Namen „Wenn man mit Händen und Füßen reden muss“ und wurde durch den Pädagogen Ernst Blickle im Unterricht für Menschen mit geistiger Behinderung in der Heimsonderschule Haslachmühle eingeführt. Bis heute wurde die Sammlung von zahlreichen Personen stetig weiter entwickelt.

Link: http://www.schau-doch-meine-haende-an.de

Hier kann die Gebärdensammlung direkt bestellt werden. Es gibt auch eine DVD für Computer und eine App für Apple-Geräte (iPhone, iPad). Die Zusammenstellung der Fotos ist alphabetisch geordnet und die einzelnen Gebärdenfotos sind mit Richtungspfeilen versehen, die in der Legende genau erläutert werden. Die Videos der DVD und der App  zeigen die genaue Durchführung der Gebärden.

Es gibt im Handel zahlreiche beliebte Produkte mit den Gebärden aus der Sammlung „Schau doch meine Hände an“:
im Internet: www.ariadne-ideenshop.de oder im Ariadne Ideen-Katalog Nr. 7, Seite 91 und 92:
Gebärdenposter 1 und 2 mit Gebärden nach „Schau doch meine Hände an“
Zwei Liederbücher von Irene Leber und Jörg Spiegelhalter „Mit den Händen singen“ sowie „Bis Weihnachten ist´s nicht mehr weit…“

Mit den Händen singenBis Weihnachten ists nicht mehr weit

Eigene Bilderbücher und Kinderlieder mit Gebärdenfotos aus SdmHa ergänzen

Die Gebärdenfotos können aus der DVD leicht kopiert und in eine Word-Datei eingefügt werden. Dabei kann die Größe und die Beschriftung angepasst werden. Diese Fotos dann ausschneiden und in eine Ecke der jeweiligen Seite im Bilderbuch kleben. Dabei beachten, dass nur das sinn- oder bedeutungstragende Wort eines kurzen Satzes gebärdet wird. Diese Gebärden dienen als Hilfestellung für die Erwachsenen, die dem Kind das Bilderbuch vorlesen und dabei ihre Sprache mit Gebärden unterstützen möchten.

Das ist der Bär

 Weitere Möglichkeiten für Babys und Kleinkinder

Kindergebärden, Baby-Zeichen, Zwergensprache oder Babysignale: diese Gebärden stammen in der Regel aus dem Vokabular der Deutschen Gebärdensprache (DGS), werden jedoch häufig für die Kleinsten in einer vereinfachten Form angeboten.
Sobald die kleinen Kinder diese Wörter selbst sprechen können, werden sie auch diese Gebärden weg lassen – dann brauchen sie diese nicht mehr zur Kommunikation und  Verständigung.
Dazu ein paar Links:
Die Kindergebärden von Birgit Butz: http://www.sprechende-haende.de/
Babyzeichen von Vivian König: http://www.babyzeichensprache.com
Baby-Handzeichen von Eva Möller: http://www.baby-handzeichen.de/
Babysignal von  Wiebke Gericke: http://www.babysignal.de/
Gebärdenwerkstatt Zauberhafte Babyhände:  http://gebaerdenwerkstatt.de/

Bildsymbole aus Metacom7: www.metacom-symbole.de

Stuhlkreis

Meine Kurs-Angebote für Kitas und Kindergärten im Raum Oberschwaben – Bodensee

Für Eltern und Erzieher/innen von Kindern mit besonderem Förderbedarf :
– Was ist „Unterstützte Kommunikation (UK)?“ – eine Einführung in die Grundlagen

Für Eltern und Erzieher/innen von Babys und Kleinkindern:
Wie kann die Kommunikation und die Sprachentwicklung der Kleinsten gefördert und unterstützt werden?
–  Lautsprachunterstützte Gebärden – nicht nur für Kinder mit Hör-/Sprach-Behinderungen!
–  Gebärden – Workshops jeweils zu bestimmten Themenbereichen (nach Wunsch und Absprache).

Themenstunden mit einer Kindergruppe:
45 Minuten Spiel und Spaß mit Gebärden zu einem bestimmten Thema nach Absprache
(z.B. Jahreszeiten, Mahlzeiten, Feste, Farben, Tiere, Gefühle, Natur…).
Im Anschluss an eine Themenstunde biete ich gerne eine Austausch-Runde und neue Impulse für Betreuer und Fachkräfte.

Bei näherem Interesse bitte ich um Kontaktaufnahme über das Kontaktformlar

Die Kommunikation der Kleinsten unterstützen

Ein Gedanke zu „Die Kommunikation der Kleinsten unterstützen

  • 24. November 2015 um 18:10
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    Diese Seite finde ich sehr hilfreich! Ich arbeite in einem FZgE. Vielen Dank und viele liebe Grüße! Petra

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