Märchen erzählen
Kinder lieben Märchen und Geschichten!

Bruno Bettelheim (1903 – 1990) ging noch weiter und stellte fest „Kinder brauchen Märchen“ und diese Meinung ist nach wie vor aktuell. Mit Märchen und Geschichten  kann Kindern ein Stück Lebenshilfe, vor allem Mut und Hoffnung gegeben werden. Der inhaltlich positive Verlauf eines Märchens oder einer Geschichte erzeugt eine lebensbejahende, freudvolle Grundstimmung, in die Kinder gerne eintauchen und ein Stück weit auf ihrem Lebensweg mitnehmen.

Leider geht das Erzählen von Märchen und Geschichten  in der heutigen Zeit immer mehr verloren. Die technischen und digitalen Medien, wie Fernsehen, Computer, Internet etc. stehen häufig sehr im Vordergrund und es bleibt wenig Zeit für gemütliches Vorlesen oder Erzählen. In diesem Beitrag möchte ich Lust machen auf solche gemütlichen Situationen und Anregungen geben, was es mit der Methode „Erzählen und Spielen “ auf sich hat und wie kurze Geschichten mit bereits vorhandenen Spielmaterialien nachgespielt werden können und gleichzeitig der Gebärdenwortschatz erweitert wird.

Durch die sich mehrmals wiederholenden Geschichten, mit den gleichen  Sätzen, Gebärden, Bewegungen und Utensilien entsteht beim Kind eine gewisse freudvolle Erwartungshaltung. So entsteht zwischen dem Erwachsenen und dem Kind eine vertraute Stimmung und der Wunsch des Kindes wird wach, an der Geschichte durch eigene Nachahmung direkt teilhaben zu können.

Was sind Geschichten-Säckchen? *

In zahlreichen Ländern gehören Geschichten-Säckchen oder -Körbchen  zur pädagogischen Grundausstattung  in der Früherziehung, in Kindertagesstätten und in Kindergärten. Genauso können diese auch Zuhause angelegt  und je nach Wunsch des Kindes immer wieder gespielt und vorgelesen werden:
Anhand einer kleinen Geschichte aus dem Alltag der Familie, einem Kinderlied oder einem Reim können bereits vorhandene Utensilien (z.Bsp. kleine Püppchen, Bärchen, Figuren und Tiere aus Holz, Puppengeschirr, Puppenmöbel, Bausteine, Spielautos etc.) ausgewählt werden und in einem Stoffbeutel (für das Kind zunächst unsichtbar) aufbewahrt werden.  Bewährt hat sich auch eine Unterlage für die darzustellende Szene, z.Bsp. ein Stück farbiger Filz oder auch ein kleines Tablett.
Weitere Materialien können sein: Kieselsteine, etwas Stroh, Moos, kleine Zweige oder auch Wollreste, Korken, Holzstückchen, Pappe, leere Streichholzschachteln… je nach Inhalt der Geschichte können diese Verwendung finden.

Was wird beim Kind durch diese Methode gefördert?

Die durch darstellendes Spiel unterstützte Erzählweise fördert vor allem den Spracherwerb des Kindes. Wenig- oder nichtsprechende Kindern erhalten durch die zusätzliche Anwendung von lautsprach-unterstützenden Gebärden (z. Bsp. Schau doch meine Hände an) die Möglichkeit, nach einigen Wiederholungen die Geschichte nachspielen und mit Gebärden  nacherzählen zu können. Durch wiederholtes Spielen, Erzählen und Gebärden wird der aktive und passive (Gebärden-) Wortschatz erweitert. Das Begriffsverständnis und auch die Merkfähigkeit, sowie das Verständnis für grammatikalische Regeln (Satzbau, Adjektive, Präpositionen…) werden unterstützt.

Gestaltung und Einsatz der Geschichten-Säckchen

Die vorbereiteten Säckchen sollten für das Kind sichtbar, jedoch außerhalb seiner Reichweite aufbewahrt werden. Die Geschichten-Säckchen sollten nicht als freies Spielzeug verwendet werden, sondern kommen zu bestimmten Tageszeiten (z. Bsp. nach dem Mittagessen, vor dem Einschlafen oder bei Warte-Situationen) zum Einsatz. Es ist sinnvoll, außen an die Säckchen ein Themenkärtchen mit einem entsprechendem Bild (z. Bsp. Metacom-Bildsymbol) zu hängen, damit das Kind durch Sprechen, Zeigen oder/und Gebärden eine Wunsch-Geschichte auswählen kann. Im Säckchen steckt neben dem Material eine Karte mit dem zu erzählendem Text und evtl. den Gebärdenfotos, damit gewährleistet ist, dass stets die gleiche Wortwahl und die gleichen Gebärden verwendet werden.

Ein Beispiel

Eine kleine Gutenacht-Geschichte: Das Schaf besucht die Tiere
Inhalt des Säckchens: schöne Holztiere z. Bsp. der Firma Holzspielwaren Ackermann Schaf, Kuh, Hund, Katze, Schwein, Pferd, etwas Stroh, um den Stall darzustellen, ein Stück grüner Filz als Wiese vom Schaf und auf einer Karte der Geschichtentext.
Vorbereitung: Das Stroh wird auf einem kleinen Tablett ausgelegt.  Der grüne Filz wird neben das Tablett gelegt. Mit dem Beginn der Geschichte werden die Tiere nach und nach benannt (Wort + Gebärde) und aus dem Säckchen geholt und in den Bauernhof (Tablett), bzw. auf die Wiese (Filz) gestellt.
Nun folgt die kurze Geschichte. Die zu gebärdenden Wörter sind unterstrichen.

Das Schaf besucht die Tiere.
Fünf Tiere wohnen zusammen auf dem Bauernhof:
Die Kuh, der Hund, das Schwein, die Katze und das Pferd. Das Schaf ist auf der Wiese draußen.
Das Schaf möchte die Tiere auf dem Bauernhof besuchen. Es ist schon Abend und es wird bereits dunkel.
Das Schaf geht zur Kuh: „Hallo Kuh!“ begrüßt es sie. Die Kuh sagt: „Hallo Schaf!“
Das Schaf geht zum Hund: „Hallo Hund!“ begrüßt es ihn. Der Hund sagt: „Hallo Schaf!“
Das Schaf geht zur Katze: „Hallo Katze!“ begrüßt es sie. Die Katze sagt: „Hallo Schaf!“
Das Schaf geht zum Schwein: „Hallo Schwein!“ begrüßt es. Das Schwein sagt: „Hallo Schaf!“
Das Schaf geht zum Pferd: „Hallo Pferd!“ und das Pferd sagt: „Hallo Schaf! Es ist schon spät!
Wir wollen alle schlafen.
Du kannst gerne bei uns im Bauernhof schlafen! Gute Nacht!“
Und alle Tiere legen sich der Reihe nach gemütlich zum Schlafen hin.

Ein abschließendes Schlaflied kann für das Kind das Zeichen sein, dass es genauso wie die Tiere zum Schlafen gehen wird.

Die Gebärden dieser Geschichte:

SchafbesuchenTier fünfwohnenBauernhofAbend, dunkelhalloKuh  Hund Katze SchweinPferd  Zeit, spätwir, alle, unsschlafen  gute Nacht

 

*Es wird hier der Begriff „Geschichten-Säckchen“ verwendet. Genauso können die Materialien in Körbchen oder Schachteln untergebracht werden.

Literatur zum Thema mit zahlreichen Geschichten zum Vorlesen und Spielen:
2009 Geschichtensäckchen, Material- und Spielanregungen für 1-4-jährige Kinder
Hrsg: Antje Bostelmann, Verlag an der Ruhr

Gebärden lernen durch darstellendes Erzählen

Ein Gedanke zu „Gebärden lernen durch darstellendes Erzählen

  • 10. Juli 2015 um 7:46
    Permalink

    Herzlichen Dank für diesen tollen Beitrag, und den Buchtipp.
    Wir arbeiten so ähnlich mit unseren Themengeschichten- beispielsweise Raupe Nimmersatt, Es klopft bei Wanja in der Nacht und auch in unserer UK- Stunde.
    wünsch dir einen schönen Sommer und dank dir für deinen Blog.

    Antworten

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