Schau doch meine Hände an

Entstehungsgeschichte:
Gebärden haben ihren Ursprung in der im Alltag stets üblichen Unterstützung der Verbalsprache durch Mimik, Gestik und Körperhaltung.

Gebärden gab es schon immer und überall da, wo mehrere Gehörlose zusammenkamen. Leider werden die Vorteile der Gebärdensprache immer noch nicht überall gesehen. Dies liegt in unserer Geschichte begründet.

1770 bis 1778
Erste Schulen für gehörlose Kinder in Paris und Leipzig

Es waren kleine Schulen für Sinnesbehinderte. In Frankreich begann Abbé de L’Eppée mit Handzeichen. Diese sogenannte manuelle Methode wurde auch „französische Methode“ genannt und basierte auf Gebärdenzeichen, Handalphabet und Schrift.
Gehörlose wurden oft für „bildungsunfähig“ gehalten. Schon im 18. Jahrhundert wurden Gehörlose in Deutschland, wenn überhaupt, dann ausschließlich mit Lautsprache unterrichtet. Sogenannte Oralisten, selber alles Hörende, bekämpften die Gebärdensprache, die sie als menschenunwürdige „Affensprache“ bezeichneten. Das heißt, Gehörlose mussten den Unterrichtsstoff den Lehrern von den Lippen ablesen und sich durch Sprechen äußern. Diese orale Methode wurde „deutsche Methode“ genannt, das hieß Sprechen lernen mittels „Sprechfühlen“. Sie mussten erst Lautsprache erwerben, um mit den Hörenden kommunizieren zu können, danach die Schriftsprache. Ohne akustische Rückmeldung durch das Hören war und ist dies mit sehr großen Anstrengungen und vielen Missverständnissen verbunden. In Leipzig war einer der Hauptvertreter Samuel Heinicke.

Verbot von 1880 bis 1980
1880 beschlossen auf dem Mailänder Kongress (ausschließlich hörende) Gehörlosenlehrer offiziell die orale Unterrichtsform für die Gehörlosenschulen in Europa. Im Anschluss an diesen Kongress wurde die Gebärdensprache in vielen europäischen Ländern verboten. Dies führte auch zu indirekten Berufsverboten und Bücherverbrennungen.
Mehr als 100 Jahre lang   wurden die Gehörlosen in Deutschland gezwungen, sich den hörenden Menschen anzupassen. Das heißt sie mussten unter sehr schlechten Bedingungen kommunizieren, lernen und arbeiten. Die Gebärdensprache konnte sich meist nur heimlich weiterentwickeln und es gab keine allgemeine Form, die sich in Nachschlagewerken wiederfinden ließ.

Erste Versuche
Um 1970
erkannten einzelne Einrichtungen, dass für eine Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Hör-/Sprachbehinderung und zusätzlichen kognitiven Einschränkungen die Verbalsprache nicht ausreichend ist. Vor allem der damalige Schulleiter der Haslachmühle, einer Einrichtung für geistig behinderte Kinder und Jugendliche mit Hör- und Sprachbehinderung, Ernst Blickle, hat diesen Menschen verstärkt Gebärden angeboten. Er vereinfachte Gebärden in der Ausführung, bzw. grenzte die Auswahl entsprechend ein. Seine erste Gebärden-Sammlung von 1971 trug den Namen „Wenn man mit Händen und Füßen reden muss! – Zeichensprache im Heim für Mehrfachbehinderte Haslachmühle“.

1987
Es wurde das Zentrum für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser an der Universität in Hamburg gegründet. Gebärden aus ganz Deutschland wurden in den Gebärden-Lexika von Maisch und Wisch, den sogenannten „blauen Büchern“ dokumentiert.

1991
Die Gebärdensammlung „Schau doch meine Hände an“ entwickelte sich in Kooperation mit verschiedenen Einrichtungen. Sie entstand mit dem Ziel der Vereinheitlichung aus verschiedenen Gebärdensystemen, die speziell für den Personenkreis nicht sprechender Menschen mit geistiger Behinderung abgeändert wurden.

Heute
Seit dem werden Gebärden immer gesellschaftsfähiger. Inzwischen gibt es Nachrichtensendungen mit Gebärdensprache im Fernsehen, Schulen, in denen gehörlose Kinder mit Gebärden unterrichtet werden und immer mehr hörende Menschen lernen in Volkshochschulkursen die Gebärdensprache.
Doch es wird noch lange dauern, bis die Gebärdensprache wieder die gleiche Akzeptanz erreicht, die sie vor dem Mailänder Kongress hatte und bis sie als Pflichtfach für alle Studierenden der Gehörlosenpädagogik eingeführt werden kann. Immer noch finden sich viele Oralisten als Dozenten in Gehörlosenpädagogik, Logopädie und anderen Fachrichtungen, die sich mit gehörlosen Menschen beschäftigen.

Ergänzung durch UK
In fachlicher Hinsicht werden Gebärden heute durch das Konzept der Unterstützten Kommunikation (UK) bereichert. Die Gesellschaft ISAAC (International Society for Augmentative and Alternative Communication) besteht seit 1983 mit Sitz in Toronto/Canada. Die deutschsprachige Sektion von ISAAC besteht seit 1990.
Das Ziel der Unterstützten Kommunikation ist, ein individuelles, bedürfnisorientiertes und alltagstaugliches Kommunikationssystem zu entwickeln, mit dessen Hilfe der Mensch mit Behinderung besser versteht, was geschieht und sich besser verständlich machen kann.

In diesem Blog werde ich im Laufe der Zeit weitere Artikel zur UK veröffentlichen. Sehr gerne greife ich auch Eure Wunschthemen auf…

Kleiner geschichtlicher Abriss

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