Tom lebt in seiner eigenen Welt – er kann nicht sprechen – er kann nicht hören.

(Der Name wurde geändert)

Tom liebt es, Bilder in Katalogen und Zeitschriften anzuschauen, betrachtet auch gerne Bilderbücher mit technischen Themen (Fahrzeuge, Flugzeuge, Motoren etc.). Ein Dialog über diese Bilder ist jedoch nicht möglich, da Tom es ablehnt und deutlich zu verstehen gibt, dass ihm an einer Kontaktaufnahme nichts liegt.

Immer wieder schlägt sich Tom selbst an den Kopf… läuft unruhig hin und her… ist nur wenig ansprechbar.

Tom ist Autist und zusätzlich geistig behindert. Er bekam im Laufe seiner ersten Lebensjahre ein sogenanntes CI (Cochlea-Implantat), in der Hoffnung, dass der funktionierende Hörnerv so  beeinflusst werden kann, dass Tom Sprache wahr zu nehmen und zu verstehen lernt und eine lautsprachliche Entwicklung beginnen wird.

Ich kenne Tom seit 2006 – er kam mit Beginn des neuen Schuljahres im Herbst 2006 als sogenannter Quereinsteiger im Alter von knapp 9 Jahren zu uns in die Schule und er lebt seitdem im zur Schule gehörenden Internatsbereich. Die Eltern verbanden mit diesem Wohnort- und Schulwechsel die Hoffnung, dass Tom im Bereich seiner Hörfähigkeit und Sprachentwicklung, bzw. im Rahmen seiner kommunikativen Möglichkeiten besser gefördert werden kann. Vielleicht wird es gelingen, ihn zum Sprechen zu bringen? Vielleicht über lautsprachunterstütztes Gebärden? Vielleicht über Bildsymbole oder auch mit einem elektronischem Gerät? Die Unsicherheit in der Familie war sehr groß – auch weil Tom’s Verhalten zu Hause immer problematischer und das familiäre Leben mit ihm anstrengend wurde.

Wenn Tom bereit ist, sein CI zu benutzen, d.h. er die Spule an der entsprechenden Stelle hinter seinem Ohr am Kopf belässt – ja, dann kann Tom tatsächlich einfache Wörter wahrnehmen und inhaltlich verstehen: Er reagiert und schaut auf, wenn er seinen Namen oder den von bekannten Bezugspersonen hört. Wenn er möchte, versteht er kleine Aufträge und kann sie erfüllen, also einen bestimmten (für ihn sichtbaren) Gegenstand holen und auf den Tisch zu mir legen oder sich nach Aufforderung auf einen Stuhl an den Tisch setzen.

Zeitliche Zusammenfassung bis 2012:
  • Wenn Tom zur Mitarbeit keine Lust hatte, war es sehr schwer ihn verbal zu erreichen. Meistens nahm er die Spule seines CI’s ab und ließ sie einfach herunter hängen, um nicht hören zu müssen. Dennoch gelang es damals immer wieder, ihn über einfache Körperspiele (Patschen und Klatschen zu Lied oder Reim, Körpermassage mit Igelball) für weitere kommunikative Übungen zu motivieren.
  • Kommunikationsförderung in Einzelstunden: Zahlreiche Versuche, Tom zur Nachahmung zu bringen. Die Fähigkeit zur Nachahmung ist eine bedeutende Voraussetzung, um überhaupt Gebärden anwenden zu können. Spontane eigene Gesten konnten in den ersten Jahren nicht beobachtet werden. Teilweise zeigte er sich motiviert für grobmotorische Bewegungen mit einem Gymnastikstab und dabei wurde deutlich, dass er nachahmen konnte!
  • Im gesamten Schul- und Wohnbereich werden seit vielen Jahren  lautsprachunterstützend die Gebärden aus der Sammlung „Schau doch meine Hände an“ angewendet. Alle Mitarbeiter im Wohnbereich und in der Schule unterstützen ihre gesprochenen Sätze mit diesen Gebärden. Es werden dabei lediglich die sinntragenden Wörter gebärdet. Schüler und Mitarbeiter haben eine eigene Namensgebärde. Tom gebärdete in den ersten Jahren nicht, schaute jedoch immer öfter interessiert und nahm häufiger Blickkontakt zum Gegenüber auf.
  • Kommunikation über Gegenstände, Fotos und Bildsymbole: Zuerst mit Gegenständen und einzelnen Bildern, auch während der Mahlzeiten, bzw. in der Schule im Morgenkreis und bei anderen Lerninhalten. Später mit Bildtafeln zum Zeigen. Da Tom nicht zeigen wollte, wieder zurück zu Einzelbildern. Zuerst waren es deutliche Fotos, dann PCS-Bildsymbole (Boardmaker-Programm) und später Metacom-Bildsymbole (Annette Kitzinger). Da Tom, wie anfangs beschrieben, sehr gerne für sich Fotos und Bilder betrachtet, zeigte er schließlich auch Interesse für Bildsymbole!
  • Nach und nach wurde für Tom ein umfangreicher Kommunikationsordner mit Kern- und Randvokabular angelegt (ähnlich der MOHECO-Mappe) und immer wieder wurde versucht, in Einzelstunden und im Klassen-Unterricht mit ihm gemeinsam daran zu arbeiten, Bildsymbole zu verdeutlichen und in spielerischen Situationen anzuwenden. Das Zeigen auf Bilder wurde über Handführung versucht anzubahnen, später auch über FC (gestützte Kommunikation). Den Ordner nahm er gerne an – jedoch lange Zeit nicht zur Kommunikation, sondern für sich als Bilderbuch, das er häufig ausdauernd anschaute. Er trug den Ordner stets im Rucksack mit sich, was die Wichtigkeit für ihn verdeutlichte. Erst nach und nach gelang es Tom, die Bildsymbole in seinem Ordner zur Kommunikation zu nutzen – er zeigte auf ein Bild, schaute sein Gegenüber an, teilweise gebärdete er dazu! Das waren Riesenfortschritte! Zuhause nutzte er sehr gerne Firmenembleme, die er auch in seinem Ordner hatte: z. Bsp. OBI, Bauhaus, Toom-Baumarkt, McDonald, verschiedene Tankstellen etc. Damit machte er seinen Eltern deutlich, welches Ausflugsziel von ihm gewünscht ist.
  • Versuche mit einfachen elektronischen Kommunikationsgeräten, wie Little-Step-by-Step und Gotalk4+ und 9+, um im täglichen Morgenkreis „mitreden“ zu können oder um ein Lied oder Spiel oder eine bestimmte Situation auswählen zu können, wurden von Tom nicht angenommen.
  • Für Tom erstellten wir einen eigenen Wochenablauf-Plan, da es sich zeigte, dass er eine durchgängige Struktur braucht, um zu verstehen, was kommen wird. Dieser Plan war bestückt mit Einzel-Bildsymbolen zum Stundenplan und hing im Klassenzimmer und auch in seinem Zimmer im Wohnbereich.
Durchbruch vor ca. zwei Schuljahren:

Eines Tages war Tom sehr unglücklich, weinte morgens in der Klasse still vor sich hin. Die damalige Lehrerin konnte es sich nicht richtig erklären. Sie vermutete zwar, dass er Heimweh hatte (das Wochenende zuvor war er zu Hause). Ich kam dazu und fragte Tom lautsprachlich und mit Gebärden, was denn los sei, warum er weine und ob er sein Buch holen könne. Ja, Tom holte seinen Komm.-Ordner aus dem Rucksack, begann von sich aus zu blättern und er zeigte schließlich ganz kurz auf das Bildsymbol „traurig“! Tom hatte zum ersten Mal einen emotionalen Zustand ausgedrückt! Wow! Wir staunten! Natürlich sprach und gebärdete ich „Tom, du bist traurig!“ Tom blätterte wieder im Ordner und kam auf seine Familien-Seite, die er intensiv betrachtete. So konnte ich mit ihm über den letzten Besuch bei den Eltern kommunizieren – wenn gleich er dies nur für ein paar Sekunden erlaubte. Er nahm dann schnell seinen Ordner und räumte ihn wieder in den Rucksack – Weinen und Trauer waren vorbei, der Unterricht konnte beginnen.

Später kam es immer wieder zu Situationen, in denen Tom von sich aus seinen Ordner zur Verdeutlichung gebrauchte! UND: Er zeigte dabei manches Mal, dass er einen recht umfangreichen passiven Gebärdenwortschatz verinnerlicht hatte, wenn er die Begriffe gebärdete. Wenn gleich dies eher wie ein Selbstgespräch ablief.

Vor einem Schuljahr:

Tom`s Verhalten zu Hause wurde immer schwieriger – er ist mittlerweile ein großer kräftiger Junge geworden und hat seine Familie voll „im Griff“. Die Eltern konnten ihn nicht mehr jedes Wochenende zu Hause betreuen. Das war für Tom sehr schwierig zu verstehen! Massive Zornausbrüche häuften sich, weil er einmal heim fahren durfte, dann kurzfristig wieder nicht… So erstellten wir für seinen Wochenplan Bildsymbole mit Bus für das Heimfahrt-Wochenende, bzw. ein durchgestrichener Bus als Symbol für das Wochenende im Heim. Die Eltern baten wir darum, ein oder zwei feste Besuchs-Wochenende/n im Monat einzuplanen und der Schule rechtzeitig mitzuteilen, sodass Tom bereits jeden Montag für das kommende Wochenende das entsprechende Bildsymbol zum Ankletten in seinem Plan bekam. Da er diese Einschränkungen jedoch erst nicht akzeptieren konnte, tauschte er regelmäßig den durchgestrichenen Bus gegen den nicht durchgestrichenen Bus aus… mancher Zornausbruch folgte… erst mit der Zeit verstand Tom diese Aussagen und konnte sie schließlich sogar akzeptieren.

Heute:

Kommunikation ist nach wie vor schwierig und für alle beteiligten Bezugspersonen eigentlich wenig zufriedenstellend – für Tom jedoch wohl ausreichend! Nach wie vor trägt er seinen umfangreichen Kommunikationsordner im Rucksack mit sich herum, nutzt ihn jedoch sehr selten und nur in von ihm ausgewählten Situationen zur Kommunikation. Manchmal wendet er eine Gebärde an. In der Regel genügt es ihm aber, in die Richtung zu zeigen, wo etwas Begehrtes liegt…

Im Laufe der Jahre konnte Tom alltagspraktische Fertigkeiten erlernen und er kann gewisse soziale Konventionen und Aufforderungen (grüßen, winken, warten, bleiben, gratulieren, etwas weiter machen etc.) einhalten.

Seine Eltern kauften ihm vor ein paar Monaten ein iPad mit der App GoTalkNOW. In der Schule wird der Tablet PC täglich im Morgenkreis eingesetzt, zur Begrüßungsrunde und zur Besprechung des Stundenplanes. Da er sein CI die meiste Zeit nicht nutzen möchte und daher die jeweiligen gesprochenen Texte vom iPad nicht hört, orientiert er sich an der Umrandung der Felder und weiß dann, dass der Button funktioniert. Mit der App Quizmaker arbeitet er zwischendurch gerne und hatte die Übungen schnell durchschaut. In der Adventszeit hat Tom sogar dem Nikolaus mit dem iPad ein zuvor geübtes Gedicht aufgesagt…

Wie wird es weiter gehen?

Tom hat noch einige Schuljahre in der Berufschulstufe vor sich! Das multimodale Kommunikations-Angebot wird ihm wie bisher zur Verfügung stehen und mit den Unterrichtsinhalten stetig erweitert werden. Alle Bezugspersonen von Tom haben natürlich die Hoffnung, dass es weiter gehen wird und Tom Fortschritte im sozialen Verhalten und somit auch in der Kommunikationsfähigkeit machen wird.

Die Hoffnung lebt schließlich am längsten und beflügelt für weitere Schritte!

Anmerkung: Der Name wurde geändert

Infos zum Cochlea-Implantat: http://de.wikipedia.org/wiki/Cochleaimplantat

Gebärden: http://www.schau-doch-meine-haende-an.de/

Bildsymbole, Vorlage „Wochenplan“ unter Downloads: http://www.metacom-symbole.de

PCS-Symbole, Programm Boardmaker z.Bsp. bei: http://www.rehavista.de/?at=Produkte&p=51702-win

Infos zur MOHECO-Mappe: http://www.albatros-schule.de/344-Moheco_Mappe

Apps von Tom:

https://itunes.apple.com/de/app/gotalk-now/id454176457?mt=8

https://itunes.apple.com/de/app/quizmaker-einfache-quiz-fur/id802225374?mt=8

Tom’s Welt
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