Schau doch meine Hände an

1. Voraussetzungen der Menschen mit Hör-/Sprachbehinderung

Vor dem Einsatz von Gebärden in der Unterstützten Kommunikation gilt es, zunächst das Augenmerk auf einige, die Person mit Behinderung betreffenden Vorerfahrungen zu richten und Voraussetzungen zu überprüfen und zu hinterfragen. Wichtige Punkte dazu sind:

Vor dem Einsatz von Gebärden steht die Anbahnung.

Hierzu gehören Grunderfahrungen in verschiedenen Wahrnehmungsbereichen, wie verschiedene Körpererfahrungen, z. Bsp. Raumlage, Körperbegrenzungen, bewusst machen der eigenen Hände, Bewegungsfunktionen der Hände erleben, erfahren der verschiedensten Ausdrucksmöglichkeiten der Hände, wahrnehmen des Gesichtsfeldes.

Großen Einfluss auf den Einsatz und den aktiven Gebrauch von Gebärden hat die Funktionsfähigkeit der Sinne (visuell, taktil, kinästhetisch…). Gibt es in einem dieser Bereiche Einschränkungen, so muss der Einsatz von Gebärden entsprechend verändert werden, z. Bsp. taktile Gebärden für Menschen mit Sehbehinderung.
Die körperliche Mobilität muss so weit vorhanden sein, dass Gebärden mit den Händen ausgeführt werden können.
Ein gewisses Maß an Konzentration und Ausdauer ist wichtig für den Lernprozess. Auch sollten die erlernten Gebärden nach einiger Zeit wieder abrufbar sein, was eine gewisse Speicher- und Verarbeitungsfähigkeit voraussetzt.
Der Mensch mit Behinderung sollte sich nach einer individuellen Eingewöhnungszeit an Raum und Bezugspersonen, auf Kontakt zu der Bezugsperson einlassen können. Dies bedeutet: Er muss Blick- und Körperkontakt zulassen, wenigstens kurz, z. Bsp. wenn Gebärden mit Handführung eingeübt werden.
Zu den wichtigsten Grundvoraussetzungen für das Erlernen von Gebärden gehören sowohl das Interesse an der Umwelt, wie auch das Interesse Bedürfnisse mitteilen zu wollen. Es muss im Lebensbereich des Menschen mit Behinderung Dinge, Situationen und Vorgänge geben, die ihn interessieren.
Der Mensch mit Behinderung muss in der Lage sein zu lernen, einen realen Gegenstand mit einer Gebärde zu verbinden. Die Gebärde muss auch bei Nichtvorhandensein eines Gegenstandes als Bedeutungsträger angewendet werden können (Objektkpermanenz). Hierin liegt der Knackpunkt, ob Gebärden und deren Einsatz vom Menschen mit Behinderung verstanden werden oder nicht.
Bei einigen Menschen mit geistiger Behinderung wird es über das Wahrnehmen, Begreifen und Umsetzen hinaus keinen spontanen Gebrauch von Gebärden geben. Die Gebärden werden „nur“ verstanden, doch schon dieser Schritt kann eine große Entlastung und ein Gewinn für die betroffene Person sein.
Man kann zu Beginn der Arbeit keine Prognose darüber stellen, wie viele Gebärden, in welchem Zeitraum von der jeweiligen Person erlernt werden können.

2. Voraussetzungen der Bezugspersonen

Der Lernerfolg bei der Vermittlung von Gebärden hängt zum einen von den individuellen Voraussetzungen der betroffenen Person ab, doch ein guter Teil für das Gelingen dieser Form der Unterstützten Kommunikation liegt im Umfeld der betroffenen Person, wie folgende Punkte deutlich aufzeigen:
Voraussetzungen zur Gebärdenvermittlung ist Zuwendung, nicht nur im emotionalen Bereich, sondern in der gesamten Körperhaltung und die eigene Körpersprache. Dazu gehört der Aufbau von Blick- und Körperkontakt.
Imitations- und artikulationsunterstützende Maßnahmen sind ohne Körperkontakt kaum möglich, z.B. Tast- und Vibrationsübungen, um sich der eigenen Stimme bewusst zu werden. Körperkontakt ist auch deshalb wichtig, weil die Körperwahrnehmung und das Körperschema bei der Ausführung von Gebärden unabdingbar ist. Ohne Blickkontakt kann der Mensch mit Behinderungen die Gebärden weder wahrnehmen noch nachvollziehen.
Die eigene, authentische Körpersprache der Bezugspersonen ist sehr bedeutend und bildet eine weitere Voraussetzung für das Anwenden von Gebärden.
Zum Menschen mit Behinderung muss eine positive persönliche Beziehung entwickelt werden, die sowohl emotionale Akzeptanz als auch Körperkontakt zulässt. Hier stellt sich jeder einzelnen Mitarbeiterin, jedem Mitarbeiter die Frage nach seinem Menschenbild.
Die Lebensumstände des Menschen mit Behinderung müssen allen Bezugspersonen bekannt sein (Familie, Gruppe, Bezugspersonen, Alter, Vorlieben, Abneigungen etc.)
Die Vermittlung von Gebärden orientiert sich an der unmittelbaren Lebenswirklichkeit des Menschen mit Behinderung (lebens-praktischer Bereich, Umwelt).
Die Bezugspersonen müssen – in Bezug auf Inhalt und Ausführung der Gebärden – stets den gesamten Kontext des Geschehens beachten.
Gebärden sind häufig nur situativ einzuüben, z.B.: „Warten“ – am Straßenrand stehen bleiben und warten, die Wartesituation mit der Gebärde unterstreichen; wichtig wäre es in diesem Zusammenhang auch, dass die Situationen herbeigeführt werden, in denen der Gebrauch bestimmter Gebärden nötig wird, z. Bsp. Das Zureichen von Nahrungsmitteln bei Tisch.
Die Gebärde muss deutlich und in der Ausführung gleich bleibend verwendet werden. Das Tempo der Ausführung beeinflusst die Bedeutung. Starke, betonte und rasche Bewegungen unterstreichen emotionale Beteiligung, sanfte zurückhaltende Ausführung vermitteln Ruhe.
Die Sprache der Bezugspersonen sollte beim lautsprachunterstütztem Gebärden langsam, deutlich und gut artikuliert sein. Einfacher Satzbau und umgangssprachlicher Wortgebrauch sind zu bevorzugen.
Sprechen und Gebärde müssen synchron erfolgen, d.h. Wort und Gebärde müssen inhaltlich übereinstimmen und gleichzeitig angewandt werden. Dies ist besonders bei Menschen wichtig, die über Hörvermögen verfügen und eventuell einen passiven Wortschatz haben.
Körpersprache und Gebärde müssen übereinstimmen, z. Bsp. nicht bei der Gebärde „traurig“ lachen. Ironie ist für Menschen mit Behinderungen oft schwer nachvollziehbar. Die jeweiligen Gegenstände, Bilder und Situationen müssen stets mit der gleichen Gebärde benannt werden. Gebärde und Mundbild müssen im Blickfeld des Menschen mit Behinderung ausgeführt werden, um Verzerrungen so gering wie möglich zu halten.
Wichtig ist außerdem, darauf zu achten, dass möglichst immer die gleiche Kommunikationsebene hergestellt wird, z. Bsp. bei Rollstuhlfahrern und kleinen Kindern.
Die Gebärden sollten möglichst von allen Bezugspersonen verwendet werden, denn je mehr Personen mit dem Nutzer gebärden, um so schneller kann er Gebärden erlernen und er erfährt dabei auch, dass Gebärden ein Kommunikationsmittel mit hoher Akzeptanz ist.

Voraussetzungen für den Einsatz von Gebärden

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