Basale Kommunikation ist eine besondere Form der Kommunikation über den Körper – für Menschen deren Intellekt oder Sinne beeinträchtigt sind. Hedy Lechleitner ist Spezialistin dafür. Ein Interview.

Freunde von Fachbegriffen kommen in der Haslachmühle voll auf ihre Kosten und einer davon wurde sogar einst von Haslachmühle-Mitarbeitern eingeführt: „Leibhaftes Lernen“. Hedy Lechleitner hat sich vor über 15 Jahren auf Leibhaftes Lernen mit geistig behinderten Menschen spezialisiert und übersetzt den Begriff als „Basalen Dialog auf der Körperebene“.  Wir haben sie gefragt, was es mit dem Leibhaften Lernen auf sich hat.

Frau Lechleitner, rund 30 Prozent der Haslachmühle-Schüler sind angeblich nur über Basale Kommunikation erreichbar. Für Außenstehende sieht es aus, als streicheln oder kuscheln Sie in ihren Stunden. Was hat das mit Kommunikation zu tun?

Ich möchte Basale Kommunikation nicht als Kuscheln verstanden wissen. Es ist ein Zugang über den Körper, weil der Intellekt der Schüler beeinträchtigt ist und viele Sinnesbehinderungen vorliegen und dadurch Wahrnehmungsstörungen auftreten oder zusätzlich vorhanden sind. Es sieht manchmal nur so aus, als ob man streichelt oder kuschelt. Dahinter steht, dass man Basissinne anregt, dass man neue Erfahrungen anbietet zu den bisherigen Körperhaltungen und Bewegungsmustern, die oft in Stereotypen oder Gewohnheiten verfestigt sind.

Wie sieht das konkret aus?

Ich versuche, den Betroffenen einzelne Körperteile wie Arme, Beine, Hände, Rücken oder Kopf bewusst zu machen durch drücken, ausstreichen, massieren – je nachdem, was der Mensch zulässt, wo er es zulässt und wie stark er es zulässt. Menschen, die sehr hippelig sind, brauchen eher beruhigende Berührung mit deutlichem Druck, um ihnen klare Körpergrenzen aufzuzeigen: das bist Du, das ist Dein Arm. Dann gibt es Schüler, die sehr zurückhaltend sind. Da klopfe ich eher den Körper ab und mache Kraftübungen, um heraus zu fordern. Manche brauchen sehr viel Schutzhaltung, weil sie viele negative Erlebnisse hatten, da sieht es dann aus wie Kuscheln.

Was verstehen Sie unter Schutzhaltung?

Das ist ein Körperrahmen, den ich durch meinen Körper schaffe. Da gibt es den Schoßsitz, mit dem ich dem Schüler enge Grenzen gebe durch mein körperliches Dasein. Das steht in den Stunden immer am Anfang auch mit sehr minimalen Aktionen: nur Hände auflegen, nur spüren. Das braucht Ruhe und Zeit. Wenn ich dann beginne, Körperteile auszustreichen, geschieht das mit vielen Wiederholungen, damit dem Menschen bewusst wird, was da gerade passiert. Denn das braucht länger, um anzukommen. Auch hier spielt es stark in den psychischen Bereich hinein, weil viele Schutzhaltungen aus negativen Erfahrungen kommen oder durch Überforderung durch Reize von außen.

Basale Kommunikation, Basaler Dialog, Basale Stimulation… Für einen Laien sind diese Begriffe nicht auf Anhieb verständlich. Was heißt basal?

Basal bedeutet: voraussetzungslos, ohne Vorbedingung. Es werden keinerlei Erwartungen an das Gegenüber gestellt.

In der Haslachmühle wird Leibhaftes Lernen seit 20 Jahren angeboten. Sie arbeiten auf diesem Gebiet derzeit als einzige Expertin mit offiziellem Deputat und betreuen sowohl Einzelpersonen als auch Gruppen. Reicht das für solch eine große Schule?

Seit 1997 gebe ich jährlich Einführungen für Mitarbeiter in Leibhaftem Lernen, um Muliplikatoren für diesen Ansatz zu gewinnen. Nach den Einführungen können sich die Mitarbeiter entscheiden für eine weiterführende, fortlaufende Gruppe, in der sie 14-tägig mit einem Bewohner zur Stunde kommen können. Da biete ich nur den Rahmen und bin begleitend dabei.

Sie sind mit verschiedenen Deputaten für die Heimsonderschule und den Förder- und Wohnbereich tätig. Wer aus der Heimsonderschule kommt außerdem zu Ihnen?

Im Schulbereich habe ich vier Schulstunden pro Woche und betreue im Moment zwei Kinder im Einzelunterricht und zwei Schulklassen als Gruppe. Wie lange die Schüler dabei sind, entscheidet sich individuell. Es ist eher ein langfristiges Angebot für die Einzelnen, von einem halben Jahr bis zu mehreren Jahren, weil es Zeit braucht, bis Zugänge geschaffen werden.

Wie wichtig sind Rituale in Ihrer Arbeit?

Sehr wichtig. Vor allem bei autistischen Menschen oder Menschen mit autistischen Zügen ist es hilfreich, wenn man am gleichen Ort, mit gleichem Ablauf, im gleichen Rahmen übt – und wenn es geht, eine Zeit lang mit derselben Person, am gleichen Wochentag, zur gleichen Uhrzeit.

Weshalb ist das hilfreich?

Autistische Menschen suchen nach Sicherheiten. Sie haben Schwierigkeiten mit Veränderungen und damit, sich auf Beziehung einzulassen. Sie sind sehr auf ihre eigene Welt fixiert. Äußere Reize überfordern sie oft und daher brauchen sie eine gewisse Orientierung von uns, weil unsere Welt ihnen oft haltlos erscheint.

Was ist  das Schwierige und Spannende am Leibhaften Lernen?

Dass ich mich als ganze Person einlasse und meine Ziele und Vorstellungen, wie die Stunde verlaufen soll, was ich dem anderen gerne nahebringen möchte. Dass ich das auch wieder lassen und aus meinem Kopf streichen kann und stattdessen schaue, was kommt von dem Mensch an Ausdruck und Mitteilung – so, dass es auch ein Dialog wird, in dem wir uns bewegen.

Welche Erfolge können Sie mit Ihrer Arbeit verzeichnen?

In den Stunden selbst, dass die Menschen oft ruhiger sind als sonst. Verhaltensoriginalitäten treten in den Hintergrund, weil wir viele äußere Reize zurücknehmen. Stattdessen erfährt der Schüler: Ich bin, ich bin akzeptiert und angenommen, die Bezugsperson hat Zeit und Ruhe für mich, der Ablauf ist gleich, ich erkenne es wieder. Mitarbeiter berichten mir oft: „Heute war er aber ganz schön schwierig. Dann habe ich ihm die Decke gezeigt, die er immer zur Stunde mitbringt und dann war er wie umgedreht.“ Es kann auch sein, dass während der Stunde kleine Öffnungen möglich sind. Zum Beispiel bei dem 15-jährigen Mädchen, das seit über zwei Jahren wöchentlich zu mir kommt. Ihre gewohnte Handhaltung ist, dass sie die Finger ineinander verknotet. Inzwischen ist es möglich, dass sie die Hand am Ende der Stunde freiwillig öffnet. Als ich sie letztes Mal abholte, hielt sie mir ihre Hand unaufgefordert hin – ausgestreckt. 

Vielen Dank für das Gespräch! 

Interview: Katharina Stohr, erschienen 2010 im visAvie, Magazin der Zieglerschen:

http://www.zieglersche.de/files/visavie_sonderausgabe_030210_end.pdf

Hedy Lechleitner, Heimsonderschule Haslachmühle, Tel: 07504 979-289

Anmerkung: Vor einiger Zeit wurde der Begriff „Leibhaftes Lernen“ in der Haslachmühle abgelöst durch den Begriff „Basaler Dialog“. Dadurch wird der Bezug zur Kommunikation deutlicher.

http://www.zieglersche.de//behindertenhilfe/portal.html

Wenn eine Hand sich plötzlich öffnet…

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